CURRICULUM VITAE
Ich Iwan Franko wurde am 27. August 1856 in Nahujowice (Kreis Drohobyč) in Ostgalizien geboren. Mein Vater war ein Bauer und starb, als ich noch nicht 8 Jahre alt geworden war. Durch zwei Jahre besuchte ich die Dorfschule in Jasenica Soina, dann durch drei Jahre die basilianische Normalschule in Drohobyč, worauf ich in den Jahren 1868—1875 das Drohobyčer Realgymnasium mit vorzüglichen Attestaten absolvirte. Im Jahre 1875 inscribirte ich mich als ordentlicher Hörer an der philosophischen Fakultät der Universität in Lemberg, wo ich klassische Philologie unter Prof. Węclewski und Cwikliński, kleinrussische Sprache und Litteratur unter Prof. Ogonowskij Pädagogik unter Prof. Cerkawskij, Psychologie und Anthropologie unter Dr. Ochorowić und auch einen Cursus der Nationalökonomie unter Prof. Biliński studirte.
Gleichzeitig beteiligte ich mich an der Redaction einer vom akad. Vereine “Akademičeskij Kružok” herausgegebenen litterarischen Zeitschrift “Druh” und wurde im Sommer des Jahres 1877 zusammen mit den übrigen Mitgliedern dieser Redaction in einen politischen Process verwickelt, welcher meine Studien unterbrach. Nach 8-monatlicher Untersuchungshaft wurde ich trotz gänzlichem Mangel an Beweismaterial, hauptsächlich auf Grund eines an mich berichteten Briefes M. Dragomanows, welcher mir vorschlug eine Studienreise nach Nordungarn zu unternehmen, der Geheimbündelei schuldig befunden und zu 6-wöchentlichem Arrest verurteilt. Dieses Urteil zog mir den Verlust eines Landesstipendiums zu, welches ich durch zwei Jahre vorher genossen hatte, doch setzte ich trotzdem meine Universitätsstudien fort, meinen Unterhalt gleichzeitig durch verschiedenartige litterarische und publicistische Arbeiten in kleinrussischer und polnischer Sprache verdienend.
Zu Anfang des Jahres 1880 wurde ich in Jablonow bei Kolomyja, wohin ich mich behufs Erteilung von Privatlektionen begebenhatte, verhaftet und abermals in einen politischen Process mit einbezogen, aber nach 3-monatlicher Untersuchungshaft freigelassen, da es sich herausstellte, was ürigens von Anfang an ganz klar war, daß ich mit diesem Processe und den darin angeklagten Personen weder bekannt war noch irgend etwas gemein hatte. Seither verlebte ich zwei Jahre auf dem Lande, erhielt im Jahre 1883 von dem Gutsbesitzer Ladislaus Fedorovič in Okno den Auftrag, eine Biographie seines Vaters, des Reichstagsabgeordneten vom Jahre 1848 zu schreiben, durchforschte zu diesem Zwecke das reichhaltige Familienarchivurn des Herrn Fedorovič und beschäftigte mich in Lemberg, wo ich Mitarbeiter der ruthenischen Zeitschrift “Diło” wurde, mit dem Studium der Geschichte Galiziens sowie der galizisch-ruthenischen nationalen und litterarischen Entwickelung. Zu diesem Zwecke sammelte ich auch viele alte und neuere Drucke, Flugschriften, Zeitungen, Handschriften und Correspondenzen. In den Jahren 1885 und 1886 besuchte ich Rußland, speziell Kijev, wo ich mich auch verheiratete. Im Jahre 1886 wurde ich Redakteur der litterarischen Zeitschrift “Zorja”, in welcher ich seit 1883 viele meiner Arbeiten veröffentlichte; im Jahre 1887 wurde ich ständiger Mitarbeiter der polnischen Zeitschrift “Kurjer Lwowski”. Im Jahre 1889 wurde ich zum drittenmal in einen politischen Process verwickelt und nach 10-wöchentlicher Haft wieder freigelassen, nachdem die Untersuchung nicht auch einen Schein von einem Delicte gegen mich hat aufweisen können.
Im Jahre 1890 glaubte ich endlich die Möglichkeit erreicht zu haben, meinen seit jeher gehegten Gedanken an die Vollendung meiner Universitätsstudien zu realisiren, und da mir nach der unterdessen erschienenen ministeriellen Verordnung zur Erlangung des Absolutoriums noch ein Semester fehlte, so richtete ich an das Professorenkollegium der Lemberger Universität die Bitte um Erlaubnis, mich an dieser Universität noch für ein Semester inscribiren zu dürfen. Meine Bitte wurde aber ohne Nennung eines Grundes abgelehnt, weshalb ich anch gezwungen war, mich für ein Semester an der Czernowitzer Universitüt zu inscribiren, wo ich die Vorlesungen der Professoren Smal-Stockij und Kałużniackij besuchte und auch das Absolutorium erlangte. Im Herbste des Jahres 1892 sah ich mich endlich im Stande, meinen lange gehegten sehnlichen Wunsch zu erfüllen und mich behufs Vervollständigung meiner Studien in Slavicis nach Wien zu begeben, wo ich durch ein Semester als ordentlicher Hörer inscribirt, die Vorlesungen der Professoren Jagić, Pastrnek, Mühlbacher und Paulitschke besuchte und mich auch an den Arbeiten des slavischen Seminariums beteiligte. Von meinen litterarischen und wissenschaftlichen Arbeiten, welche einen Zeitraum von bereits nahezu 20 Jahren füllen, will ich hier nur diejenigen nennen, welche meine Beschäftigung mit allgemeiner und slavischer Litteratur und Volkswissenschaft bekunden, ich darf es ohne Selbstüberhebung aussprechen, daß eben dieses wissenschaftliche, rein ideelle Interesse mich in den harten Prüfungen, die ich zu bestehen hatte, aufrecht erhielt, so daß ich trotz schwerer Schicksalsschläge dem hohen Ziele, meinem Vaterlande und besonders meinem südrussischen Volke nützlich zu werden nie untreu wurde.
Meine Beschäftigung mit europäischen und slavischen Litteraturen führte mich vor Allem dazu, das Beste aus denselben in meine Muttersprache zu übersetzen. Schon im Gymnasium übertrug ich zwei Dramen des Sophokles, einige Gesänge des Nibelungenliedes und dergl. mehr. Während der Universitätsstudien las ich besonders viel Russisch und übertrug auch einzelne Erzählungen des Pomjalowskij, Sčedrin-Saltykov, den Romall “Was tun” des Cernysevskij. Im Jahre 1879 erschien meine Übersetzung von Byrons “Kain”, im Jahre 1882 der erste Teil des Göthe' sehen “Faust” mit einer Studie über denselben. In demselben Jahre übersetzte ich auch Gogols “Todte Seelen”, vordem noch eine Erzählung des Gleb Uspenskij, einzelne Gedichte von Gäthe, Victor Hugo, Heine, Lenau, Freiligrat, Shelly, Nekrasov ( “Russische Frauen”). In den letzten Jahren publicirte ich eine Bearbeitung des “Armen Heinrich” von Hartmann von Aue (1891), ein Bändchen von Heines Gedichten (darunter “Deutschland, ein Wintermärchcn”, “Disputation” u. A. m.) mit einer biographischen Studie über den Dichter, einige bulgarische Volkslieder — alles in kleinrussischen Übersetzungen, übertrug außerdem die “Tyrolské elegie” und andere Gedichte des böhmischen Satirikers Karl Haviicek Borovsky, auch Einzelnes von Sva-topluk Cech, Jar. Vrchlicky und J. Neruda.
Hand in Hand mit diesen Übertragungsarbeilen ging auch das Bestreben, einzelne Autoren und Litteraturrichtungen besser verstehen zu lernen und Anderen zu erklären. So entstanden meine ruthenisch und polnisch geschriebenen litterargeschichtlichen Skizzen und Charakteristiken: äber Gosčdyński, Teotil Wisniowskij, Bohdan Zaieski, Saltykov-Sčedrin, Leo Tolstoj, über den zeitgenössischen russischen Tendenzroman (Obrusiteli, Blednow usw. sowie über den Einfluß des Mickiewicz auf die kleinrussische Litteratur. Die meisten dieser Arbeiten hatten vor Allem den Zweck, die Kenntnis des betreffenden Autors bei dem benachbarten Volke zu vermitteln; in dieser Hinsicht sollen hier noch die Essays über Turgenjew (kleinrussisch) und über Sevčenko (polnisch), so wie auch die über Emil Zola, den naturalistischen Roman und “La terre” verglichen mit Gl. Uspenskijs “Vlasf' zemli” (polnisch) genannt werden.
Die Geschichte der südrussischen Litteratur — und Geistes-Entwickelung bildete seit jeher den Lieblingsgegenstand meiner Studien. Vor allem war es der bedeutendste und originellste Dichter Südrußlands, Taras Sevčenko, dessen Gestalt und dichterisches Erbe meine Aufmerksamkeit fesselte. Seit 1881 publicirte oder verfaßte ich folgende, diesen Dichter behandelnde Einzelstudien: die Analysen seiner Gedichte “Hajdamaki”, “Kaukaz”, “Son”, “Topola” und “Perebendia”, sodann eine allgemeine Charakteristik seines Lebens und seiner Wirksamkeit (ruthenisch und polnisch); die von mir vorgeschlagene und mo-tivirte Einteilung derselben in vier Perioden wurde auch von Prof. Ogonowskij in seiner neuen Ausgabe des “:Kobzar” Sevčenko's angenommen. Größere oder kleinere Beiträge, Materialien und kritische Bemerkungen lieferte ich noch zu den Biographien folgender südrussischer Schriftsteller: Fed'kowič (eine Analyse seiner widersprechenden Angaben über seine Jugend), Swidnickij, Rudańskij, Mordowcew. Skomorowskij, Mogilnickij und Suchewič. Auch mit der älteren südrussischen Litteratur, besonders seit der Mitte des XVI. Jahrhunderts beschäftigte ich mich eingehend. Es gelang mir handschriftliche, bisher unbekannte Materialien zur Geschichte dieser Litteratur aus dem XVI., XVII. und XVIII Jahrh. zu finden, so eine Sammlung der Schriften Iwan Vyseńskyj's, ein religiöses Drama “Dialogus de passione Domini” aus der Mitte des XVI. Jahrh., mehrere handschriftliche Sammlungen von Legenden und Apocryphen, geistlichen und weltlichen Liedern usw. So entstanden meine, meistens russisch geschriebenen und unter dem Pseudonym “Myron” in der “Kijevskaja Starina” veröffentlichten Abhandlungen und Mitteilungen;über neue Materialien zur Kenntnis des lw. Vyseńskyj, über einige südrussische Apocrypha, über den Lemberger Bischof Joseph Sumlanskij und sein Buch “Metrika” usw. Dem Vyseńskyj widmete ich auch eine ausführliche specielle Arbeit, in welcher ich zuerst alle seine Schriften einer eingehenden Analyse unterwarf und die daraus gewonnenen Daten zum Aufbau einer wissenschaftlich begründeten Biographie dieses Schriftstellers zu verwerthen suchte. Diese, bis jetzt nicht publicirte, kleinrussisch geschriebene Arbeit erlaube ich mir dem Hochlöblichen Professorenkollegium vorzulegen.
Nachdem ich im Jahre 1888 für die warschauer Wochenschrift “Głos” einige Skizzen über die rotrussische Litteratur des XVIII. Jahrhunderts geschrieben habe, begann ich mich mit dieser, bis jetzt fast dunklen zB. von Ogonowskij in seiner Litteraturgeschichte gar nicht erwähnten Epoche der galizisch-ruthenischen Geistesentwicklung zu beschäftigen und besonders dem 1790 erschienenen “Bogoglasnik” (Sammdung älterer und neuerer geistlicher Lieder) zu beschäftigen (sie!). Diese Arbeit mußte aber trotz bedeutunden von mir gesammelten Materials, wegen Mangels an wissenschaftlichen Hilfsmitteln unterbrochen werden, und nur ein Kapitel daraus, über die geistlichen Weihnachtslieder, wurde auszugsweise im “Dilo” veröffentlicht. Meine Ansichten über die wichtigsten Momente der südrussischen litterarischen Entwickelung bis zum Beginn des XIX Jahrhunderts fasste ich in einer Vorlesung zusammen, welche ich im Juni 1892 in der historischen Gesellschaft in Lemberg hielt, und welche dann unter dem Titel “Charakterystyka literatury ruskiej w XVI—XVIII wiekach” im Organ dieser Gesellschaft, dem “Kwartalnik historyczny” gedruckt wurde.
Auch mit Ethnographie und Folkloristik habe ich mich seit früher Jugend beschäftigt. Noch im Gymnasium schrieb ich hunderte von Volksliedern, Märchen, Sprichwörtern und dergl. aus dem Volksmunde auf. Ein ziemlich reichhaltiges lexicalisches Material stellte ich anfangs dem H. Werchratskij für seine “Počatky do ulozenia nomenklatury” sowie für seine “Znadoby”, später dem Prof. Ogonowskij für seine “Studien auf dem Gebiete der ruthenischen Sprache”, und endlich dem H. Zelechovskij für sein ruthenischdeutsches Wörterbuch zur Verfügung. Selbständig publicirte ich daraus nur eine Collection der “Kindersprache”(Swit, 1832). In derselben Zeitschrift gab ich auch einige Lieder neuester Formation, wie über die Kartoffel, über die Borysiawer Naphtagruben mit kulturhistorischen Erklärungen heraus. Im Warschauer “Dodatek do Przeglądu tygodniowego” publicirte ich eine Abhandlung über die Überreste primitiver Anschauungen in südrussischen Volksrätseln. In der ruth. “Zorja” erschien die Abhandlung “Die Hörigkeit der Frau in galizisch-ruthenischen Volksliedern”. In dem von der Krakauer Akademie herausgegebenen “Zbiór wiadomości do antropologii krajowej” (Bd, XII) erschien eine von mir und der Frau Olga Roskiewič veranstaltete und von mir bearbeitete Sammlung der Hochzeitlieder und Gebräuche. In demselben Sammelwerke sollte auch meine Sammlung galizisch-ruthenischer Sprichwörter erscheinen, allein mit dem Tode Prof. Kopernicki's zerschlug sich die Sache. Meine Sammlung galizisch-ruthenischer Sprichwörter, zu welcher ich alles mir zugängliche gedruckte und handschriftliche Material herangezogen und durch eigene Aufzeichnungen fast um das doppelte vermehrt habe, beträgt gegenwärtig nahezu 15 000, meistens mit Beibehaltung dialektischer Besonderheiten in der Aussprache aufgezeichneter und nach Ort der Aufzeichnung bestimmter Sprichrwörter, Vergleiche, bildlicher Ausdrücke, Wortspiele, scherzhafter Redewendungen, Flьche, Segnungen, parodirter Gebete und Kirchengesänge usw.
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Im Sommer des Jahres 1887 fungirte ich als Sekretär und Correspondent der vom H. L. Fedorovič in Tarnopol zu Ehren Seiner k. Hoheit des Kronprinzen Rudolf veranstalteten ethnographischen Ausstellung, welche ich auch beschrieb. Noch vordem gab ich einen Band ethnographischer und litterarischer Arbeiten des kürzlich verstorbenen ruthenischen Schriftstellers Viadimir Navrockij heraus. In der “Kijevskaja Starina” publicirte ich die von meiner Frau in Nahujowice aufgezeichneten Volkstraditionen ьber diii dort im J. 1831 stattgehabte Verbrennung der vermeintlichen Vampyre. Im “Kurjer Lwowski” veröffentlichte ich unter anderem eine Artikelserie über die galizische Landeskunde (“Krajoznawstwo galicyjskie*), über ruthenische Teppiche (“Kilimki ruskie”), über die Ostereier (“Pisanki”) usw.
Unter dem Einflusse Prof. M. Dragomanow's, welchem ich für die Fürderung meiner wissenschaftlichen Bestrebungen sehr viel zu Danke verpflichtet bin, wandte ich mich dem Studium der neueren vergleichenden Litteratur- und Sag-Wissenschaft zu las eifrig die bahnbrechenden Werke Benfey's, Liebrechts und besonders Vesełovskijs, Dragomanovs und Anderer. Zwei meiner Abhandlungen, welche dieselbe Richtung einschlagen und in dem polnischen Fachjournale “Wisła” veröffentlicht wurden, erlaube ich mir ebenfalls vorzulegen.
Schließlich sei es mir gestattet zu bemerken, daß über meine belletristischen, sowohl prosaischen als auch poetischen Arbeiten, von denen vieles ins Polnische, manches auch ins Russische, Böhmische und Deutsche überzetzt wurde, Prof. Ogonowskij in seiner ruthenischen Litteraturgeschichte (Zorja 1891 und 1892 und separat) ausführlich gehandelt hat.
Wien, den 18. Mai 1893 Iwan Franko